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Predigt zum 12. Cyriakfest

und zur Feier des 60. Geburtstages der Cyriakkapelle

29.8.2010

 

Liebe Cyriakgemeinde,

liebe Freunde und Förderer der Cyriakkapelle,

die meisten von ihnen haben mit diesem Gotteshaus und seinem großen Wiesen- und Obstbaumgelände vielfältige Erinnerungen.

Erinnerungen an Fest-und Feier, an Gottesdienste, Arbeitseinsätze, Erhaltungsmaßnahmen, Kinder-und Jugendbegegnungen, eine regelmäßige Christvesper, ja auch an Taufen und Hochzeiten.

Einige erinnern sich noch an die Jahrfeier zum 50.Geburtstag vor 10 Jahren.

Nun heißt es: Die Cyriakkapelle wird 60 Jahre.

Als mich Stefan Börner fragte, ob ich die Andacht zum 6o.Geburtstag halten könnte, habe ich mich gefragt, welche Erinnerungen hast Du eigentlich an dieses Haus. Ich erinnere mich an eine fröhliche Kinderschar hier im Haus und Garten, als meine Enkel noch im Mückekindergarten waren und an die gelungene Ausstellung zum Leben und Wirken des Architekten Otto Bartning.

Als Ruheständler hat man ja auch die Freiheit nein zu sagen.

Dass ich innerlich sehr schnell ja sagte, hat auch etwas zu tun mit der Ausstrahlung dieses schlichten, einfachen Gebäudes, das vor 60 Jahren als Notkirche hier am Rande von Erfurt gebaut wurde, wo noch Äcker lagen und die Cyriaksiedlung in den 30iger Jahren entstanden war, aber kein Gotteshaus hatte.

Die Anfrage erreichte mich zu einem Zeitpunkt, als ich eine Russlandreise vorbereitete, da ich in diesem Jahr über den Suchdienst in München den Totenschein und Bestattungsschein meines Vaters erhielt, der vor 64 Jahren in russischer Kriegsgefangenschaft verstarb.

So hatte ich auch emotional eine Verbindung zu dieser Notkirche, die in einer Zeit gebaut wurde, in der Deutschland noch in Trümmern lag.

Die Trümmersteine der Barfüßerkirche wurden hier im Fundament mit verbaut.

Es ist schon bewegend, wenn man bedenkt, dass damals die weltweiten Kirchen bereit waren, Gelder zu geben für die in Not geratenen Gemeinden in Deutschland, deren Gotteshäuser im Krieg mit zerstört waren.

Diese Hilfe geschah über alle Gräben hinweg und trotz aller Schuldgeschichte.

Der Architekt Otto Bartning hatte 1948 die Bauabteilung des Hilfwerkes der Evgl.Kirche in Deutschland übernommen und das System der Notkirchen erarbeitet.

Wie ich zur Baugeschichte der Cyriakkapelle gelesen haben, sind bereits 1949 Kirchenälteste nach Stuttgart gereist, um Unterstützung für die Ansiedlung der Gemeinde in einem Wohngebiet zu erreichen, das der Kirche nicht nur räumlich sehr fern lag.

Und ein Briefwechsel zweier Kirchenbeamter in Berlin und Magdeburg stellt fest, dass „ein Wunder unserer Zeit“ geschehen ist: Es fehlen die schriftlichen Unterlagen und die Kapelle steht.

Schnelles Handeln war damals mehr als klug, denn auch der kirchenfeindliche Wind wurde Anfang der 50iger Jahr immer massiver.

Das Evangelium dieses Sonntages schildert die bewegende Geschichte von einem Reisenden, der auf dem Weg von Jerusalem nach Jericho unter die Räuber gefallen war und halbtot am Weg lag. Priester und Tempeldiener gehen an ihm vorbei, nur der verachtete Mann aus Samarien half , so gut er konnte. Die Botschaft Jesu ist eindeutig: Gottesdienst und Dienst am Nächsten gehören zusammen, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit sind Zwillingsgeschwister, aus diesem Spannungsverhältnis werden wir nicht entlassen.

Es ist schon erstaunlich und vielleicht auch ein Zeichen für das geistliche Format des Architekten, dass dieses Evangelium damals auch in dieser Notkirche seinen baulichen Niederschlag gefunden hatte.

Denn mit Genehmigung von Otto Bartning wurden Sakristei, Teeküche und Altarnische zu einer kleinen Wohnung umgebaut, in der von Anfang an, 25 Jahre, bis zu ihrem Ruhestand Schwester Hertha Meyer als Gemeindeschwester gewohnt und gewirkt hat und vielen Menschen, auch in der angrenzenden Siedlung, mit Rat und Tat zur Seite stand.

Wir werden im Anschluss an die Andacht noch viele Einzelheiten aus ihrem tätigen Leben hören.

Was ist eine Notkirche?

Otto Bartning schreibt in seiner Rede: „Müßte nicht die Predigt in einer Notkirche eine Notpredigt sein, dass man vom Lehnstuhl aufspringt, klopfenden Herzens, dort muss ich hineilen, da muss ich mitten drunter sein?

In die Notkirche passt keine Orgel mit 40 Registern. Nein, lieber eine Weile gar kein Gesang, bis er eines Tages aus der freudigen Not der Herzen neu hervorbricht.

Darum auch keine drei oder fünf Glocken. Nein, zur Notkirche gehört eine Notglocke.

Und ein Letztes: Die Notgemeinde braucht keine neuen Dogmen und Regeln, aber sie soll Ihren Pfarrer bedrängen, dass jeder Gottesdienst ein echter Notgottesdienst wird. Ihr Jungen, laßt ihm nicht Ruhe mit euren wahren Nöten und Fragen, mit aller Aufrichtigkeit und Freiheit, die ja wahrlich nicht Frechheit sondern Demut ist.“

Im Rückblick auch auf die Zeit bis 1989 sind wir, denke ich, alle dankbar, dass die Nöte der Menschen in unserem Land damals gerade in den Kirchen zur Sprache kamen und eine friedliche Veränderung einleiteten.

Gleichzeitig möchte ich im Rahmen dieser Andacht aber auch all denen danken, die in allen Schwierigkeiten mitgeholfen haben, eine solche Notkirche mit dem Umfeld in ihrer Substanz zu erhalten. Dass sie heute denkmalgeschützt ist, ist alles andere als selbstverständlich gewesen.

Ich denke, gerade weil eine solche Notkirche dem Geist des Evangeliums sehr nahe steht, fern dem Geist einer Machtkirche, geboren in einer Zeit, wo viele Menschen am Nullpunkt angekommen waren, ist sie ein bleibendes und gültiges Zeugnis.

„Er hat kein Wohlgefallen an Menschen, die stolz einherschreiten, die wie Kriegsrosse sich gebärden. Ihm sind die nahe, die sich ihm auftun, seine Güte zu empfangen.“ (Ps.147,10-11)

Und in der äußeren Gestalt gleicht diese Notkirche ja auch einem Zelt, einem Zeltdach.

Es ist auch eine Botschaft. Wir sind unterwegs, auf dem Weg nach Hause, ins ewige Vaterhaus. Baut eure Häuser nicht zu fest.

Denn, so heißt es im Hebräerbrief, als Botschaft an das wandernde Gottesvolk, „denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“.

Schließen möchte ich mit den Worten eines Psalmbeters,auch im Rückblick auf diese 60 Jahre, den damaligen Neubeginn, auf viele Begegnungen und Herausforderungen, auf gelungene und gelingende Gespräche mit Gott und den Menschen, auf Bewahrung und Erneuerung:

„Danket, danket dem Herrn, denn er ist sehr freundlich, seine Güt und Wahrheit währet ewiglich“(Psalm 106,1)

Es ist ein Kanon für 4 Stimmen, vielleicht gelingt uns das gemeinsam.