OTTO BARTNING (1883 - 1959)

 

 historisches Foto
 

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Otto Bartning ist am 12. April 1883 in Karlsruhe geboren.

Eine abenteuerliche Weltreise, auf die er sich nach bestandenem Abitur begibt, prägt ihn derart, dass er die Erinnerungen daran noch fünfzig Jahre später in dem Buch "Erde Geliebte" (1956) niederschreibt.

1904 bis 1908 studiert Bartning in Berlin und Karlsruhe Architektur. Währenddessen arbeitet er bereits an ersten Aufträgen (1906: Evangelische Friedenskirche mit Pfarrhaus und Gemeindesaal in Peggau/Steiermark).

1918 (Dezember) ist Bartning Vorsitzender des Unterrichtsausschusses im "Arbeitsrat für Kunst" und nimmt maßgeblichen Anteil an der Formulierung neuer Ideen, die später zur Gründung des Bauhauses führen.

Zugleich steht Bartning am Anfang der "deutschen Kirchenbaubewegung", veröffentlicht 1919 das Buch "Vom neuen Kirchbau" und gibt für seine Ideen herausragende Beispiele wie den vielbeachteten, wenn auch nicht realisierten Entwurf der Sternkirche (1922). Man hat Bartning als "den ersten nach Karl Friedrich Schinkel" bezeichnet, "dem die Ausformung eines gültigen und zeitnahen protestantischen Kirchenbautyps gelang". Die Verleihung der Würde eines Theologischen Ehrendoktors an der Albertus-Universität Königsberg/Preußen (1924) versteht sich in diesem Zusammenhang.

1926 wird Bartning erster und einziger Direktor der in der Nachfolge des Bauhauses gegründeten Staatlichen Bauhochschule in Weimar. 1930 wird auch diese Schule unter dem Druck der nationalsozialistischen Thüringer Regierung geschlossen.
(Auszug aus der Eröffnungsrede)

1926 Mitbegründer der "Reichsforschungsgesellschaft"

1928 Bau der legendären "Stahlkirche" auf der "Pressa" in Köln (später versetzt nach Essen, zerstört im zweiten Weltkrieg - Fenster: Elisabeth Coester). In den folgenden Jahren weitere Kirchen- und andere Bauten an zahlreichen Orten.

1934 Einweihung der Gustav-Adolf-Kirche in Berlin-Charlottenburg, eine "Fächerkirche", die ebenfalls zu den Höhepunkten in Bartnings Werk gerechnet wird.

1941/48 Leitung der Bauhütte für die Heiliggeist- und Peterskirche in Heidelberg. 1946 Mitarbeit im Vorsitz des wieder gegründeten Deutschen Werkbundes. 1947 Veröffentlichung des Buches "Erdball".

1948 übernimmt Bartning die Bauabteilung des Hilfswerkes der Evangelischen Kirchen in Deutschland und erarbeitet das System seiner Notkirchen, Gemeindezentren und Diasporakapellen.

In den Jahren 1950 bis 1959 ist Bartning Präsident des Bundes Deutscher Architekten, leitet 1951 die Technische Kommission für den Wiederaufbau Helgolands, wird 1952 Ehrendoktor der Technischen Hochschule Aachen, gründet 1953 die "Otto-Bartning-Stiftung" in Darmstadt, arbeitet als städtebaulicher Berater der Stadt Berlin und Vorsitzender des Leitenden Ausschusses der "INTERBAU" und schreibt sein Buch "Erde Geliebte".

Otto Bartning stirbt am 20. Februar 1959 in Darmstadt.

 


 

Professor Otto Bartning
in einer Rede bei Eröffnung
der Staatlichen Bauhochschule Weimar
am 19. April 1926

Die kulturellen und künstlerischen Strömungen der letzten Jahrzehnte mit ihrem schnellen Wechsel und mit ihren starken Gegensätzen geben ein Bild von der Polarität aller Lebensvorgänge.

Hier Individualismus aufwärts bis zur monumentalen Steigerung der Einzelpersönlichkeit, abwärts bis zur Vereinsamung, Absonderung und Sonderlichkeit, dort Typisierung, Normalisierung aufwärts zu dem hohen Ziele wirklicher Gemeinschaft, abwärts zur Mechanisierung und Erstarrung, dazwischen die ungeheure, zuweilen schmerzhafte Spannung.
Hier das Allzumenschliche, dort das Unmenschliche, dazwischen das WAHRHAFT MENSCHLICHE. Es ist Aufgabe und Schicksal wahren Menschentums und damit wahrer Kunst, immer wieder den Ausgleich zwischen diesen polaren Spannungen und damit den lebendigen Funken auszulösen.

Stets haben Programme und Doktrinen zu den Extremen geführt. Stets waren solche Programme eindeutig, einseitig, daher leicht faßbar, propagierbar, gewissermaßen reklamefertig - und dabei dem Wesen nach schon tot. Stets aber haben wahre Menschen und wahre Kunst sich ans wirkliche Leben, ans Natürliche und Gewachsene gehalten, haben damit zwischen den Programmen und Doktrinen gestanden: von beiden Seiten nicht verstanden, von beiden Seiten bekämpft und doch dazu bestimmt, sie beide aus der Erstarrung zu erlösen und zum Lebendigen zusammenzuraffen.

Solches Menschentum ist seinem Wesen nach programmwidrig, da es sein natürliches Gesetz in sich trägt und in der Stille entfaltet. Wenn wir daher in unserer Schule als Menschen am Menschen arbeiten, so geschieht es in der Stille, mehr nach einem inneren Gebot, als nach einem äußeren Programm.

Wir wollen den Handwerker, den Kunsthandwerker, den Techniker, den Künstler - wie man es nennen mag - hinführen und ausrüsten zu eben dieser Aufgabe des schaffenden und des gestaltenden Menschen. Dem Handwerker wollen wir den Sinn für die typenschaffende Maschine, dem Techniker den Sinn für die tastende, greifende, aus dem Stoffe Eingebungen empfangende Hand aufschließen, dem Handwerker und dem Techniker wollen wir den Sinn wecken für den Zusammenhang seiner Werke im Bauwerk und den Baumeister befähigen zu seiner großen Aufgabe: Handwerk und Maschinenwerk, Einzelstück und Reihenfluß zusammenzufügen zum menschlichsten Werk, ZUM BAUWERK.

Bauen in diesem umfassenden Sinn heißt: die ungeheure Zerrissenheit und die großen Möglichkeiten unserer Zeit einschmelzen, es heißt, unser Dasein, soweit es im Sichtbaren verläuft, ordnen und dadurch vereinfachen, gestalten und dadurch beherrschen, formen und dadurch deuten.

So ergibt sich der Aufbau unserer Schule in Werkstätten und Bauatelier, in welchen praktische Arbeit ausgeführt, an der Arbeit gelernt und das weite, durch diese Arbeit sich erschließende Gebiet erforscht und gelehrt wird. So gilt all unser Wirken dem Schüler, den werdenden Menschen rufen wir, er soll sich bei uns in verständnisvoller und fester Hand fühlen.

Denn das heutige Leben ist hart, wer darin wirken will, muß eine sichere Hand und stählernes Werkzeug haben, damit er sein Herz empfänglich und sein Gewissen rein erhalten kann.

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