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Otto Bartning ist am
12. April 1883 in Karlsruhe geboren.
Eine abenteuerliche Weltreise,
auf die er sich nach bestandenem Abitur begibt, prägt ihn
derart, dass er die Erinnerungen daran noch fünfzig Jahre
später in dem Buch "Erde Geliebte" (1956) niederschreibt.
1904 bis 1908 studiert
Bartning in Berlin und Karlsruhe Architektur. Währenddessen
arbeitet er bereits an ersten Aufträgen (1906: Evangelische
Friedenskirche mit Pfarrhaus und Gemeindesaal in Peggau/Steiermark).
1918 (Dezember) ist Bartning
Vorsitzender des Unterrichtsausschusses im "Arbeitsrat
für Kunst" und nimmt maßgeblichen Anteil an
der Formulierung neuer Ideen, die später zur Gründung
des Bauhauses führen.
Zugleich steht Bartning
am Anfang der "deutschen Kirchenbaubewegung", veröffentlicht
1919 das Buch "Vom neuen Kirchbau" und gibt für
seine Ideen herausragende Beispiele wie den vielbeachteten,
wenn auch nicht realisierten Entwurf der Sternkirche (1922).
Man hat Bartning als "den ersten nach Karl Friedrich Schinkel"
bezeichnet, "dem die Ausformung eines gültigen und
zeitnahen protestantischen Kirchenbautyps gelang". Die
Verleihung der Würde eines Theologischen Ehrendoktors an
der Albertus-Universität Königsberg/Preußen
(1924) versteht sich in diesem Zusammenhang.
1926 wird Bartning erster
und einziger Direktor der in der Nachfolge des Bauhauses gegründeten
Staatlichen Bauhochschule in Weimar. 1930 wird auch diese Schule
unter dem Druck der nationalsozialistischen Thüringer Regierung
geschlossen.
(Auszug aus
der Eröffnungsrede)
1926 Mitbegründer
der "Reichsforschungsgesellschaft"
1928 Bau der legendären
"Stahlkirche" auf der "Pressa" in Köln
(später versetzt nach Essen, zerstört im zweiten Weltkrieg
- Fenster: Elisabeth Coester). In den folgenden Jahren weitere
Kirchen- und andere Bauten an zahlreichen Orten.
1934 Einweihung der Gustav-Adolf-Kirche
in Berlin-Charlottenburg, eine "Fächerkirche",
die ebenfalls zu den Höhepunkten in Bartnings Werk gerechnet
wird.

1941/48 Leitung der Bauhütte
für die Heiliggeist- und Peterskirche in Heidelberg. 1946
Mitarbeit im Vorsitz des wieder gegründeten Deutschen Werkbundes.
1947 Veröffentlichung des Buches "Erdball".
1948 übernimmt Bartning
die Bauabteilung des Hilfswerkes der Evangelischen Kirchen in
Deutschland und erarbeitet das System seiner Notkirchen, Gemeindezentren
und Diasporakapellen.
In den Jahren 1950 bis
1959 ist Bartning Präsident des Bundes Deutscher Architekten,
leitet 1951 die Technische Kommission für den Wiederaufbau
Helgolands, wird 1952 Ehrendoktor der Technischen Hochschule
Aachen, gründet 1953 die "Otto-Bartning-Stiftung"
in Darmstadt, arbeitet als städtebaulicher Berater der Stadt
Berlin und Vorsitzender des Leitenden Ausschusses der "INTERBAU"
und schreibt sein Buch "Erde Geliebte".
Otto Bartning stirbt
am 20. Februar 1959 in Darmstadt.
Professor Otto
Bartning
in einer Rede bei Eröffnung der Staatlichen Bauhochschule
Weimar am 19. April 1926
Die kulturellen und künstlerischen
Strömungen der letzten Jahrzehnte mit ihrem schnellen Wechsel
und mit ihren starken Gegensätzen geben ein Bild von der
Polarität aller Lebensvorgänge.
Hier Individualismus
aufwärts bis zur monumentalen Steigerung der Einzelpersönlichkeit,
abwärts bis zur Vereinsamung, Absonderung und Sonderlichkeit,
dort Typisierung, Normalisierung aufwärts zu dem hohen Ziele
wirklicher Gemeinschaft, abwärts zur Mechanisierung und
Erstarrung, dazwischen die ungeheure, zuweilen schmerzhafte Spannung.
Hier das Allzumenschliche, dort das Unmenschliche, dazwischen
das WAHRHAFT MENSCHLICHE. Es ist Aufgabe und Schicksal wahren
Menschentums und damit wahrer Kunst, immer wieder den Ausgleich
zwischen diesen polaren Spannungen und damit den lebendigen Funken
auszulösen.
Stets haben Programme
und Doktrinen zu den Extremen geführt. Stets waren solche
Programme eindeutig, einseitig, daher leicht faßbar, propagierbar,
gewissermaßen reklamefertig - und dabei dem Wesen nach
schon tot. Stets aber haben wahre Menschen und wahre Kunst sich
ans wirkliche Leben, ans Natürliche und Gewachsene gehalten,
haben damit zwischen den Programmen und Doktrinen gestanden:
von beiden Seiten nicht verstanden, von beiden Seiten bekämpft
und doch dazu bestimmt, sie beide aus der Erstarrung zu erlösen
und zum Lebendigen zusammenzuraffen.
Solches Menschentum ist
seinem Wesen nach programmwidrig, da es sein natürliches
Gesetz in sich trägt und in der Stille entfaltet. Wenn wir
daher in unserer Schule als Menschen am Menschen arbeiten, so
geschieht es in der Stille, mehr nach einem inneren Gebot, als
nach einem äußeren Programm.
Wir wollen den Handwerker,
den Kunsthandwerker, den Techniker, den Künstler - wie man
es nennen mag - hinführen und ausrüsten zu eben dieser
Aufgabe des schaffenden und des gestaltenden Menschen. Dem Handwerker
wollen wir den Sinn für die typenschaffende Maschine, dem
Techniker den Sinn für die tastende, greifende, aus dem
Stoffe Eingebungen empfangende Hand aufschließen, dem Handwerker
und dem Techniker wollen wir den Sinn wecken für den Zusammenhang
seiner Werke im Bauwerk und den Baumeister befähigen zu
seiner großen Aufgabe: Handwerk und Maschinenwerk, Einzelstück
und Reihenfluß zusammenzufügen zum menschlichsten
Werk, ZUM BAUWERK.
Bauen in diesem umfassenden
Sinn heißt: die ungeheure Zerrissenheit und die großen
Möglichkeiten unserer Zeit einschmelzen, es heißt,
unser Dasein, soweit es im Sichtbaren verläuft, ordnen und
dadurch vereinfachen, gestalten und dadurch beherrschen, formen
und dadurch deuten.
So ergibt sich der Aufbau unserer
Schule in Werkstätten und Bauatelier, in welchen praktische
Arbeit ausgeführt, an der Arbeit gelernt und das weite,
durch diese Arbeit sich erschließende Gebiet erforscht
und gelehrt wird. So gilt all unser Wirken dem Schüler,
den werdenden Menschen rufen wir, er soll sich bei uns in verständnisvoller
und fester Hand fühlen.
Denn das heutige Leben
ist hart, wer darin wirken will, muß eine sichere Hand
und stählernes Werkzeug haben, damit er sein Herz empfänglich
und sein Gewissen rein erhalten kann.
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