|
Überall in Deutschland,
das nach dem zweiten Weltkrieg in Trümmern lag, waren Gotteshäuser
zerstört. Überdies strömte eine große Zahl
von Flüchtlingen evangelischer Konfession in traditionell
katholische Gegenden und ließ sich dort nieder.
Um dem überall spürbaren
Mangel an Gotteshäusern zu begegnen, stellten der Weltrat
der Kirchen, der Lutherische Weltbund, die Evangelical and Reformed
Church (USA). die Presbyterian Church (USA) und das Hilfswerk
der Evangelischen Kirchen der Schweiz Geldmittel zur Verfügung,
mit denen das Hilfswerk der Evangelischen Kirchen in Deutschland
behelfsmäßige Bauten als Notkirchen beschaffen sollte.
Die Leitung des Hilfswerkes
sah aber in Barackenbauten keine angemessene Lösung für
das Problem und bat den Architekten Otto Bartning um einen Notkirchenentwurf,
der sowohl den materiellen und finanziellen Möglichkeiten
der Zeit als auch den theologischen und ästhetischen Ansprüchen
an ein Kirchengebäude gerecht würde.
Bartning übernahm
den Auftrag und entwickelte als Leiter der Bauabteilung des Hilfswerkes
in Neckarsteinach ein Typenprogramm, das die Vorteile serienmäßiger
Produktion mit der Verwendung örtlicher Baumaterialien verband.
Die tragende Konstruktion der Kirchengebäude (4 verschiedene
Typen mit 350 bis 440 Sitzplätzen) bestand aus fertig gelieferten
Holzbauteilen, die in ein bis drei Wochen montiert waren, während
das Außenmauerwerk zumeist aus den am Ort vorhandenen Trümmern
gewonnen wurde.
Die
materielle Umsetzung war aber nicht der einzige Aspekt in Bartnings
Konzeption. Eine Notkirche braucht eine "Notgemeinde",
was für Bartning nicht gleichbedeutend war mit "Gemeinde
in Not", und der Architekt entwickelte aus diesem Ansatz
Bauformen, in denen eine Frömmigkeit ihren Ausdruck fand,
die von den Erfahrungen der Schuld, der Notgemeinschaft und eines
neuen, bescheideneren, hoffnungsvolleren Aufbruchs geprägt
war.
(Lesen Sie auch die Notkirchen-Rede!)
48 dieser großen
Notkirchen wurden von 1948 bis 1951 gebaut.
Im Jahr 1950 wurden weitere
Mittel von den gleichen Gebern für den selben Zweck gestiftet
und eine zweite Serie von diesmal kleineren Bauten begonnen.
Diesmal ging man mehr kommerziell vor, so dass die ursprünglich
angestrebte Zahl von 40 Gemeindezentren und Diasporakapellen
überboten werden konnte; das Werkverzeichnis Otto Bartnings
nennt wiederum 48 Gebäude. Während die Notkirchen in
allen 4 Zonen Deutschlands gebaut wurden, umfasst das Werkverzeichnis
jetzt nur noch Orte in Westdeutschland; aus Gründen, die
noch unerforscht sind, wurden aber mindestens 8 weitere Diasporakapellen
in Ostdeutschland errichtet.
Eine davon war die Cyriakkapelle.
Die örtlichen
Arbeiten (Erdaushub und Fundament) wurden mit 6. - 8.000 DM veranschlagt,
der gesamte Aufbau mit Dach, Deckung, Blechnerarbeiten, Kreuz,
Innenwänden, Decke, Fußböden und erprobten Isolierungen,
einschließlich Montage kostete 17.690 DM. Türen, Fenster,
elektrische Installation bis hin zu allem Zubehör von Liedtafel
bis Blitzableiter konnten mitbestellt werden.
Was ist eine Notkirche?
Auszug aus einer Rede Otto Bartnings
Damit bin
ich nun doch wieder bei der Notkirche angelangt, vor deren Problematik
mich das Genfer Schweigen solange bewahrte. Im November 1947
aber, als ich gerade in Berlin war, ereilte mich telefonische
Nachricht: Der ,,Weltrat der Kirchen in Genf", ,,Lutheran
World Federation", ,,Evangelical and Reformed Church",
,,Presbyterian Church" und ,,Schweizer Hilfswerk" haben
40 Notkirchen, 40 mal 10000 $ gestiftet.
Grosse Erfüllung!
Herrliche, wohl einzigartige Aufgabe, nicht nur an 40 Orten in
Deutschland Notkirchen zu bauen, sondern auch durch Einkauf ausländischer
Zusatzstoffe deutsche Industrien und Gewerbe in Gang zu setzen.
Diejenigen, die mir die Nachricht meldeten, erwarteten wohl,
ich würde laut aufjubeln. Und ich dachte eigentlich selbst,
ich müßte es tun. Aber ich verstummte, ging auf die
Straße und wanderte stundenlang durch die Trümmerfelder,
wie ein Besessener, wie ein Verurteilter.
40 Notkirchen. Gab es denn 40 Notgemeinden? Oh ja, 40, 400, 4000
Gemeinden in Not. Aber wird es 40 Gemeinden geben, deren Not
lebendig ist? Nicht solche, von deren 5 - 10000 Seelen allsonntäglich
300 treue Schäflein kommen, sich am feierlich-freundlichen
Raum, am seelischen Comfort des von Kindheit vertrauten Gottesdienstes
zu erbauen und an der schönen Predigt - die, je ,,schöner"
sie ist, desto eher im Lehnstuhl am Radio genossen werden kann?
Müßte nicht die Predigt in einer Notkirche eine Notpredigt
sein, daß man vom Lehnstuhl aufspringt, klopfenden Herzens:
dort muß ich hineilen, da muß ich mitten drunter
sein? Und so der Gesang. In die Notkirche paßt keine Orgel
mit 40 Registern, Kombinationen und Knieschwellern für alle
Möglichkeiten von Bach bis Reger, für die Kirchenkonzerte,
wie der Organist sich wünscht zum Ausgleich dafür,
daß er allsonntäglich das dünne Gezirpe der Gemeinde
unterfüttern und überfluten muß. Nein, lieber
eine Weile gar kein Gesang, bis er eines Tages aus der freudigen
Not der Herzen neu hervorbricht, so wie in Heiliggeist zu Heidelberg
am 4. Advent 1545 plötzlich mitten in die Messe hinein die
Gemeinde in ein Reformationslied in deutscher Sprache ausbrach,
so daß die Priester entflohen. Zu solchem echten Not-Gesang
paßt eine Notorgel von 5 Registern - wie sie mancher Kirchenmusiker
lang schon empfiehlt. Jetzt aber bekommt auch dieses Stilgebot
der Enthaltsamkeit erst Sinn. Drum auch keine drei oder fünf
Glocken, obwohl man sie ja jetzt noch bezahlen könnte, samt
elektrischem Antrieb, damit der Küster das erhebende, peinlich
genau sich wiederholende, tote Geläut mit einem Griff in
Betrieb setzen kann. Nein, zur Notkirche gehört eine Notglocke.
Mag das Glockenseil in der Kirche hängen und mag doch zum
Vater-Unser Einer aus der Gemeinde aufstehen und vor aller Augen
läuten, jedes mal so, wie es die Herzensnot des Gebetes
gerade gebietet.
Genug, genug. Ich denke wahrlich nicht an liturgische Reformen.
Denn sie sind nichts wert, wenn sie nicht der notwendige, der
gar nicht zu unterdrückende Ausdruck, die ganz einfältige
Notgebärde einer echten, lebendigen Seelennot sind - ganz
so, wie wir Architekten uns kein Material und keine handwerkliche
oder technische Form erlauben durften, die nicht notwendig und
ehrlich war und darum schließlich uns gültig und also
schön erschien, also daß die zuvor nur geahnte Einheit
von Stil und Sinn Erlebnis wurde.
Die Notgemeinde
braucht keine neuen Dogmen und Regeln, aber sie soll ihren Pfarrer
bedrängen, daß jeder Gottesdienst ein echter Notgottesdienst
wird. Ihr Jungen, laßt ihm nicht Ruhe mit euren wahren
Nöten und Fragen, daß sie in der Woche oder auch am
Sonntag, im Saal oder auch in der Kirche verhandelt werden, mit
aller Aufrichtigkeit und Freiheit, die ja wahrlich nicht Frechheit,
sondern Demut ist. Eure Fragen sind unsere Fragen. Sie sollen
in der Gemeinde, im kleinen Kreise, unter vier Augen beantwortet
- oder, was oft viel mehr Wert ist, unbeantwortet gemeinsam ausgetragen
und in Liebe zueinander verwandt werden. Das ist Notgemeinde.
An ihr muß sich erweisen, ob Luthers elementarer Durchbruch
aus der Gewissensnot zur Freiheit eines Christenmenschen das
war, was manche meinen: nämlich eine geistesgeschichtliche
Katastrophe - oder aber ob dieser Schritt aus der tiefsten Not
zur höchsten Verantwortung ewig gültig ist, gerade
heute neu getan werden muß.
Das war es, was mich stundenlang durch die Trümmerstraßen
von Berlin trieb. 40 Notkirchen! Wird es 40, ach nein: wird es
10, oder auch nur 5 solcher Not-Gemeinden geben? Wenn nicht,
so will und muß ich den wunderbaren Auftrag in die Hände
der großmütigen Stifter zurücklegen. Ich bin
alt genug, um kein Schütteln des Kopfes, kein Murren und
auch keinen Bannstrahl zu fürchten. Ich bin zu alt, um ein
ziemlich langes und um die Echtheit der Baugestalt ringendes
Leben mit einer Lüge abzuschliessen, und sei es mit einer
Lüge des Schweigens. Denn jetzt weiß ich, und bekenne
ich, daß Form nicht ist ohne Geist, und Notkirche nicht
ist ohne Notgemeinde.
Und so fing ich an, von Bauort zu Bauort zu fahren, die Bauplätze,
das Material und die Mittel zu prüfen - und die Bereitschaft
der Gemeinden. Auch den Zustand der Ruinen, denn oft lassen die
Elemente der Notkirche sich merkwürdig einfügen. Ich
hoffe, eines Tages eine Anzahl solcher Bauten zeigen und dabei
auch die Namen all der eifrigen Helfer und Mitarbeiter in rechter
Weise nennen zu dürfen, nicht zuletzt auch die freundschaftliche
Zusammenarbeit mit dem Züricher Ingenieur Dr. E. Staudacher.
Denn zu ihm und in die Schweizer Werkstätten, auch zu den
verschiedenen Stifter-Gruppen nach Genf führte jetzt der
rastlose Weg. Immer wieder aber zurück zu den bauenden Gemeinden,
mit der Frage im Herzen, ob sie wohl Notgemeinden seien und über
dem neuen Bauen neue Gemeinden würden.
Heute bin ich
still geworden und ruhig. Und wenn Stimmen laut werden, wie jene
der Jünger Jesu, die murrten, da ein Weib sein Haupt salbte,
und sprachen: ,,Wozu diese Vergeudung? Hätte nicht das Wasser
(sic!) verkauft und der Erlös den Armen gegeben werden mögen?"
- so läßt sich dazu getrost sagen: auch die 4000 und
die 400000 Notwohnungen müssen und werden gebaut werden.
Damit es aber recht Notwohnungen, das heißt, Wohn- und
Arbeitsstätten für ein neues, freies, aufrichtiges
Leben werden, braucht es, neue, freie und aufrichtige Menschen.
Und sehet: in diesen 40, in diesen 10, in dieser einen neuen
Kirche geht es um neue, freie und aufrichtige Menschen.
Darum bauen
wir Notkirchen.
(Entnommen dem
Buch "50 Jahre Otto-Bartning-Kirchenprogramm - Dokumentation
der 48 Gemeindezentren und Diaspora-Kapellen" von Frauke
Kohnert. Das Buch ist nicht im Handel erhältlich - Sie
können es hier
online lesen.)
zurück
zum Text zur Cyriakkapelle Erfurt |